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PROBLEME
DER VERWERTUNG FREIER ERFINDUNGEN
Leider sind nicht allzu viele Erfinder mit ihren Patenten
auch wirtschaftlich erfolgreich. Im Gegenteil, die Historie
veramter Erfinder und gescheiterter Existenzen ist lang,
obwohl die Mehrzahl der Fälle kaum öffentlich
bekannt wird.
Tatsache ist aber auch, dass immer wieder die gleichen
Fehler gemacht werden und das Prinzip Hoffung oft jeden
Realismus verdrängt.
Eines der grundlegenden Probleme ist die klassische Fehleinschätzung
des Technikers: nämlich dass sich eine überlegene
Lösung für ein Produkt oder eine technische
Aufgabe zwangsläufig auf dem Markt durchsetzen müsste
- und daher von den damit befassten Firmen freudig aufgenommen
würde. Nur ist das leider keineswegs so.
Die Vermarktung von Innovationen ist dagegen eine der
schwierigsten Aufgaben, die einem Verkäufer gestellt
werden können. Denn im Gegensatz zum Verkauf von
Waren und Dienstleistungen stellt sich zunächst die
schwierige Aufgabe, ein Unternehmen zu finden, das die
Neuheit als Bedarf für sich selbst erkennen kann
und will. Dabei zeigen sich fast immer erhebliche Widerstände:
Das NOT INVENTED HERE -Syndrom
Ingenieure haben auch ihren Stolz. Wer jahrelang an einem
Problem arbeitet und vielleicht keine passable Lösung
gefunden hat, ist zwangsläufig nicht enthusiastisch,
wenn da einer kommt und ihm das Ei des Columbus vor die
Nase hält.
Da ist es menschlich, wenn er eher abwehrt, Einwände
findet oder das Ganze als unrealistisch abtut - um so
mehr, wenn ein Vorgesetzter allein mit seiner Anwesenheit
die stumme Frage stellt: Wozu bezahlen wir die Burschen
eigentlich, wenn die nicht selbst auf so eine Lösung
kommen?.
Noch ausgeprägter ist die Abwehrhaltung bei manchen
Chefs kleinerer Unternehmen, die selbst Produkte entwickelt
haben. Sie reagieren bei der Vorstellung überlegener
Lösungen manchmal geradezu gekränkt, auch wenn
sie das nicht immer offen zeigen.
Dabei sind sie es, die am ehesten zur Präsentation
einladen, weil die Suche nach Neuheiten in ihrer Branche
eben Ihr Feld ist - nur dass sie dann (schon aus Eitelkeit)
lieber das Patent zu umgehen versuchen, als eine Lizenz
zu nehmen.
So ist die erfolgreiche Vermarktung einer Innovation manchmal
eher die Aufgabe für einen Psychiater als für
einen Techniker - Erfinder scheitern fast regelmäßig
an dieser Hürde.

Die UNSOLLICITED OFFER - Aussperrung
Viele Unternehmen - insbes. jene mit anglo-amerikanischer
Führung - lehnen Vorschläge von außen
grundsätzlich ab oder versehen sie in der Kategorie
unerwünschte Angebote mit abschreckenden
formalen Hürden und Einschränkungen.
In den USA hat dies auch patentrechtliche Gründe:
weil hier nicht gilt, dass Erfinder ist, wer zuerst anmeldet,
sondern wer nachweislich zuerst die Idee hatte (und aus
anderen rechtlichen Gründen) kann es nach der Offenlegung
von Ideen und dem Abgleich mit eigenen Entwicklungen zu
teueren und langwierigen gerichtlichen Auseinandersetzungen
kommen.
Zudem hatten sich Industriespione zeitweise darauf verlegt,
mit getürkten Lizenzangeboten Informationen über
Know-How und Verfahren von Konkurrenzunternehmen abzuschöpfen.
Dazu kommt, dass der Umgang mit Erfindern als schwierig
gilt: Lizenzverträge schränken oft zwangsläufig
eigene technische Entwicklungsmöglichkeiten ein,
Erfinder bestehen (aus Vertragsgründen) auf die Einhaltung
genau ihres Patents, auch wenn eine abweichende Ausführung
am Markt besser ankäme, Lizenzverträge enthalten
zwangsläufig oft Kontrollrechte des Erfinders über
Absatz und Kalkulation, die man lieber nicht öffentlich
machen möchte, etc.
Werden trotzdem Verhandlungen geführt, so geht es
tatsächlich vielfach nur darum zu sehen, welche technische
Lösung angeboten wird, ob sie den eigenen Produkten
evtl. gefährlich werden könnte und im Zweifelsfall
darum, wie man das angebotene Patent umgehen könnte
- oft weniger der Lizenzzahlungen wegen, sondern vielfach
nur, um sich den lästigen Vertrag mit Kontrollrechten
etc. zu ersparen.
Das Amortisationsproblem
Industrieunternehmen haben für ihre Produktion meist
viel Geld investiert, das sich möglichst hoch verzinsen
muss - dafür ist man den Anteilseignern verantwortlich.
Angenommen, da käme nun einer mit einer Lösung,
die z.B. die gesamte herkömmliche Produktion überflüssig
macht, wäre schlagartig Anlagevermögen in riesiger
Höhe wertlos - das kann man einfach nicht zulassen.
Ohne angemeldetes Patent würde der arme Mensch zwangsläufig
fast um sein Leben fürchten müssen (was ist
schon ein Erfinderlein gegen tausende Arbeitsplätze?).
Zum Glück gibt es sanftere Methoden - man prozessiert
Erfinder im Zweifelsfall lieber arm.
Ganz ähnlich ist es mit Innovationen, die den Markt
stören würden: Der Platzhirsch mit hohem Marktanteil
wird kaum tatenlos zusehen, wenn ihm eine Neuheit das
angestammte Geschäft verdirbt. Im Wilden Westen könnte
es dann durchaus sein, dass Schadenfälle mit dem
neuen Produkt provoziert werden, bezahlte Gutachter dringende
Warnungen aussprechen, der Handel bei der Listung des
Produkts mit Liefersperren und Verlust günstiger
Einkaufskonditionen bedroht wird, etc.
Der elegantere - und für den Erfinder evtl. durchaus
vorteilhafte - Ausweg ist der des Sperrpatents: Das Unternehmen
erwirbt eine exklusive Lizenz, teilt sich die Kosten dafür
eventuell mit den wichtigsten Konkurrenten, entwickelt
vielleicht pro forma ein bischen herum und lässt
das Konzept letztlich in der Schublade verschwinden.
Dabei nutzen alle Klauseln im Lizenzvertrag nichts, wenn
dargetan wird, dass sich die technische Ausführung
als nicht möglich oder als nicht wirtschaftlich sinnvoll
erwiesen hat - und da beweise einer das Gegenteil!
Vorteilhaft für den Erfinder kann es aber sein, wenn
das im Lizenzvertrag antizipiert wird und er sich mit
der Möglichkeit von vornherein abfindet. Dann hat
er in diesem Fall seinen Ertrag sicher und muss nicht
mit dem Problem kämpfen, bei wirklichen technischen
Realisierungsproblemen (und die kommen im Laufe der Entwicklung
bis zur Fertigungsreife häufig) und möglichem
Abbruch des Projekts vor dem Nichts zu stehen.
Konkurrenzinnovationen
Manche Probleme sind so drängend oder Lösungen
liegen zeitweise so auf der Hand, dass sich zwangsläufig
alle technischen Entwickler eines Bereichs irgendwie damit
beschäftigen.
Dies war z.B. nach der Energiekrise 1973 so, sie hatte
weltweit geradezu eine Schwemme von Patenten, z.B. für
Heizkessel und Wärme(rück)gewinnungsverfahren
zur Folge, die sich in vielfachen Überscheidungen
in Schutzrechten bis heute auswirken. Dem entsprechend
gab es zahlreiche Aufhebungen oder Einschränkungen
von Rechten nach Prozessen und hunderte von Patentanmeldungen
verfielen einfach, weil sie überholt waren - denn
wegen der Veröffentlichungsfristen wussten die Entwickler
ja zunächst nichts voneinander.
Daher gilt: je aktueller eine Problemsituation, um so
risikoreicher ist das innovatorische Umfeld für einschlägige
Lösungen, und um so wichtiger ist eine Prüfung
des technischen Umfeldes (nicht nur der veröffentlichten
Patentanmeldungen!), bevor viel Geld in Schutzrechte investiert
wird.
Background Know-How
Für manche Probleme scheinen Lösungen ganz einfach
zu sein, wenn man die Hintergründe nicht kennt. So
überschlugen sich kürzlich die Ideen-Offerten
für ein Verfahren wie Toll Collect.
Nur wusste die Mehrzahl der Erfinder nicht, was bei diesem
System alles im Lastenheft steht - dass da eine eierlegende
Wollmilchsau gefordert ist, an der sich auch hochpotente
Arbeitsgruppen verheben mussten.
Dass alles viel einfacher ginge, wenn es nicht politisch
so festgelegt wäre, ist zwangsläufig - aber
es ist eben sinnlos, darauf mehr als nur einen Gedanken
zu verschwenden.
So beweist sich auch hier wieder: Je näher die Innovation
dem Berufs- und Erfahrungsbereich, sowie der Ausbildung
des Erfinders liegt, um so höher sind ihre Realisierungschancen.
Dem widerspricht nicht, dass gerade grundlegende Innovationen
eher von Branchenfremden gemacht werden, weil die eine
unverstellten Blick auf mögliche unkonventionelle
Lösungen haben. Aber ihre statistische Erfolgschance
ist wesentlich geringer. Um so wichtiger ist hier die
Prüfung durch Branchenkenner - und die ist meist
wieder riskant, wenn nicht vertraglich gut abgesichert.
Die Marktakzeptanz
Wenn ein neues Produkt oder eine neuartige Dienstleistung
keine Nachfrage findet, ist jeder Aufwand dafür vergeblich.
Lässt sich die Reaktion des Marktes auf neue Produkte
aber noch einigermaßen zuverlässig ermitteln,
so ist dies insbes. hinsichtlich innovativer Dienstleistungen
wesentlich schwerer.
Der Hype und das Scheitern der New Economy beruhte z.B.
weitgehend darauf, dass für neuartige Angebote, wie
Einkauf via Internet (selbst für Obst und Gemüse)
völlig unrealistische Annahmen gemacht wurden.
Ob sich eine derartige Leistung kostengünstig erstellen
lässt und dann die Bedürfnisse der Verbraucher
besser erfüllt - oder ob sich z.B. Einkaufsgewohnheiten
so schnell nicht ändern lassen - wurde dort nicht
wirklich geprüft, sondern Erfolgsgeschichten (wie
die unerwartet schnelle Verbreitung der SMS) einfach in
die Planrechnungen übertragen.
Aber auch für reale Produkte gilt: Akzeptanz kann
erst dann angenommen werden, wenn mögliche Testkunden
wirklich Geld dafür auf den Tisch legen wollen. Nur
am dann erzielten Preis ist auch feststellbar, ob Herstellung
und Vertrieb Gewinn bringend sein können.
So weit wird man vor Anmeldung von Schutzrechten nicht
gehen. Aber Tendenzen lassen sich vorab schon ausmachen
- mögliche Irrtümer eingeschlossen. Dabei ist
es aber sicher besser, für einem 90%-Flop kein Geld
mehr auszugeben, als mit hoher Wahrscheinlichkeit draufzuzahlen!
Die industrielle Perspektive
Was Erfinder oft nicht einschätzen können, sind
die Bedingungen, unter denen sich die industrielle Realisierung
einer Innovation abspielt.
Da ist zunächst das o.g. Problem der möglichen
Entwertung der bestehenden Produktionsanlagen. Aber selbst
wenn diese ohnehin amortisiert und erneuerungsbedürftig
wären oder nicht betroffen sind, muss sich der industrielle
Planer fragen: Rechtfertigt die Größe des Marktes,
oder das Volumen, das wir mit diesem Produkt besetzen
können, die nötigen Investitionen? Sind unsere
Finanzresourcen nicht an anderer Stelle dringender einzusetzen
und ertragbringender? Denn tatsächlich muss man bei
Innovationen ja die Risiken mit einkalkulieren, und fast
immer stehen auch andere wichtige Investitionen auf der
Agenda.
Dann kommt die Frage: Bewältigen wir das technisch,
oder mit welchen ungeahnten Schwierigkeiten müssen
wir da rechnen? Der Kaufmann wird da den Chef-Techniker
fragen, und der wird sich eher vorsichtig äußern,
denn sonst würde er gegebenenfalls für das Scheitern
verantwortlich gemacht (falls er nicht ohnehin dagegen
ist ... siehe NOT INVENTED HERE SYNDROM). Also wirkt dieser
Punkt für den Entscheider fast immer negativ.
Dann kommt die eigentliche Resourcenfrage: Haben
wir die richtigen Leute dafür, das zu entwickeln
und zu vermarkten? Ein neues Team dafür zu
bilden heißt meist, woanders Leute abzuziehen, und
da gibt es immer Widerstände. Oder es bedeutet, mit
ganz neuen Leuten noch größere Risiken einzugehen.
Für die Vermarktung wird man die Marketing- und Vertriebsabteilung
befragen. Es könnte sein, dass der Vertrieb die Innovation
positiv sieht, wenn er neue Produkte braucht. Aber Garantien
für einen guten Absatz wird dort auch niemand geben
wollen - Ergebnis also wie oben.
Natürlich gibt es auch den Fall, dass in einem Unternehmen
akuter Leidensdruck besteht: die Konkurrenz mit Innovationen
Marktanteile an sich reißt, die Absatzzahlen dramatisch
sinken, der Vertrieb nach Erneuerung der Produktpalette
schreit und die eigene Entwicklung nichts in der Pipeline
hat (weil da zu viel gespart wurde, der Cheftechniker
nur noch seinen Ruhestand plant, etc.).
Aber auch solchen Firmen kann man meist nur Lizenzen verkaufen,
die zufällig genau in ihr Programm passen, keine
neuartigen Technologien oder abweichende Herstellprozesse
verlangen, oder für die es Zulieferer gibt, die die
technologischen Probleme lösen: denn wo man bisher
für Innovation kein Geld ausgegeben hat, ist man
Grund legenden Umstellungen meist auch nicht besonders
zugetan.
Ein Unternehmen gründen
und die Idee selbst realisieren?
Die wahrhaft großen Erfinder haben es meist getan
und waren damit erfolgreich (von der Vielzahl der weniger
Erfolgreichen redet keiner mehr). In einigen Feldern,
wie der Biotechnologie, ist es heute noch verbreitet.
Aber die Risiken multiplizieren sich: Technische und innovatorische
Risiken müssen verdaut werden, der Gründer sollte
ein guter Unternehmer, Fachmann und Verkäufer sein,
finanzielle Reserven haben (auf die er im Notfall verzichten
kann), ein stabiles Nervenkostüm und Frustrationstoleranz
mitbringen - und einen Ehepartner, der das alles klaglos
mitmacht. Leider ist die Kombination solcher Voraussetzungen
nicht allzu häufig.
Sich mit Anderen zusammentun
und gemeinsam gründen?
Aus Sicht der Finanzierungsmöglichkeiten und der
gegenseitigen Ergänzung der Fähigkeiten ist
dies sicher positiv. Aber die Gefahr des Scheiterns ist
nicht geringer: Hier bestimmt das schwächste Glied
(der nervenschwächste Partner - oder sein Ehepartner
bzw. Lebensgefährte) kritische Situationen, von möglichen
täglichen Auseinandersetzungen um Ziele und Betriebsführung,
private und betriebliche Aufwendungen, oder das Risiko
der Untreue eines der Partner ganz abgesehen.
Gibt es dann überhaupt eine
realistische Chance?
Wenn man es im Verhältnis von Aufwand zu Ertrag sieht,
durchaus - auch wenn die statistischen Erfolgschancen
wenig günstig erscheinen. Denn eine wirklich erfolgreiche
Innovation kann - wenn auch nicht großen Reichtum
- so doch ordentliche Erträge bingen, weitaus mehr
als ein Durchschnittsverdiener als Rente erwarten darf.
Und die Chancen sind um so besser, je klarer sich die
Erfolgsaussichten nach einer Prüfung abzeichnen.
So wäre es schade, einen wirklichen Geistesblitz
in der Schublade verschwinden zu lassen, nur weil Chancen
und Risiken nicht abschätzbar sind. Der Aufwand hierfür
dürfte sich daher allemal lohnen, selbst im negativen
Fall: man muss dann wenigstens keinen verpassten Chancen
nachtrauern.
Crowdfunding
Gute Aussichten gibt es ein neues Instrument: nämlich
Crowdfunding, bei dem sich viele Kleininvestoren mit Mini-Beiträgen
an neuen Ideen beteiligen können (siehe : www.kickstarter.com).
Ob das auch für technische Innovationen in Europa
funktioniert, prüfen wir gerade (März 2013)
und werden uns ggf. an einer entsprechenden Plattform
beteiligen.
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